Über generative KI, die Kunst und den Unterschied zwischen Können und Wollen. Mit einer Mängelliste vorneweg, einem Urinal in der Mitte und einem Kühlschrank am Schluss.
Erst mal die Mängelliste
Fangen wir mit dem Unangenehmen an. Dann haben wir es hinter uns.
Sie frisst Strom. Generative KI läuft in Rechenzentren, die so durstig sind, dass sich Tech-Konzerne inzwischen den Strom ganzer Atomkraftwerke sichern. Irgendwo surrt also gerade eine Kühlanlage, damit du eine Katze im Astronautenanzug bekommst. In vier Varianten. Die dritte ist ganz hübsch.
Sie kostet Jobs. Und zwar zuerst dort, wo ohnehin selten jemand fest angestellt war: in der Übersetzung, der Illustration, beim Texten, in der Synchronisation. Die Freien merken so etwas immer zuerst.
Sie nimmt es mit Daten nicht so genau. Mit deinen, die du ihr in schwachen Momenten anvertraust. Und mit den Bildern, Texten und Songs von Millionen Kreativen, aus denen sie gelernt hat, ohne dass irgendwer gefragt hätte.
Sie macht ein paar Unternehmen sehr mächtig. Wie die Werkzeuge denken, mit denen bald alle arbeiten, entscheidet sich in einer Handvoll Konferenzräume, die meisten davon in Kalifornien.
Und sie ist womöglich zu billig. Die Branche hat jahrelang Geld verbrannt, OpenAI tut es bis heute in Milliardenhöhe, Quartal für Quartal. Ob die rund zwanzig Euro fürs Monatsabo ein fairer Preis sind oder ein Lockangebot, weiß niemand so genau. Wer die frühen Jahre von Uber oder den Streamingdiensten miterlebt hat, kennt das Muster: erst billig, dann unverzichtbar, dann teuer.
Alles berechtigt. Alles wichtig.
Der Geist, die Flasche und eine einfache Frage
Nur: Der Geist ist aus der Flasche, und er geht nicht zurück, so freundlich wir auch bitten. Wir können ihn verfluchen, oder wir geben ihm Hausregeln. Ich bin fürs Zweite. Gesetze, Standards, Kennzeichnungspflichten, eine faire Vergütung für alle, deren Arbeit in den Trainingsdaten steckt. Die EU hat mit dem AI Act einen Anfang gemacht, und es wird nicht der letzte Paragraf gewesen sein.
Das ist die große politische Baustelle. Mich treibt daneben eine Frage um, die kleiner klingt und doch größer ist: Ersetzt KI eigentlich die Kunst?
Ich meine nicht nur Kunst im Sinne von Museum, Sockel, Eintritt zwölf Euro. Ich meine alles, wo Menschen etwas gestalten, das andere berühren soll. Ein Bild, ein Text, ein Song, ein Plakat. Eine Einladung zur Gartenparty. Kann die Maschine das? Und wenn ja: Was bleibt dann für uns?
Ein Pinsel mit Autovervollständigung
Die tröstliche Antwort zuerst: KI ist ein Werkzeug. Ein ziemlich mächtiges, zugegeben, aber eben eines, das jemand bedienen muss. Und wie bei jedem Werkzeug zeigt sich erst in der Hand, die es führt, was damit möglich ist.
Wer schon einmal versucht hat, einer Bild-KI genau das abzuringen, was einem vorschwebt, weiß: Das ist Arbeit. Man muss wissen, was man will, wie man es beschreibt und was man wieder verwirft. Man braucht ein Auge für Komposition, für Licht, für Typografie. Wer das hat, kann mit KI Erstaunliches anstellen. Wer es nicht hat, macht mit KI dasselbe wie früher mit WordArt: etwas, das sehr laut ist und nichts sagt.
Neu ist das alles übrigens nicht. Als die Fotografie aufkam, schimpfte Charles Baudelaire 1859, sie sei die Zuflucht all jener Maler, denen es an Talent oder Fleiß fehle. Die Malerei hat das überlebt. Mehr noch: Weil die Kamera ihr die Pflicht abnahm, die Welt möglichst getreu abzubilden, wurde sie frei für Impressionismus, Expressionismus, Abstraktion. Vielleicht passiert gerade etwas Ähnliches. Vielleicht nimmt KI der Kunst die Pflicht ab, bloß gut auszusehen.
Und mal ehrlich: Schrott gab es auch vorher schon. Reichlich. Stockfotos von Menschen, die allein über einem Salat lachen. Vereinsflyer aus der Vorlagengalerie. Hotelzimmerkunst in Beige. Popsongs vom Fließband, sauber produziert und nach drei Wochen vergessen. Vieles davon war handwerklich ordentlich gemacht und trotzdem vollkommen seelenlos. KI hat das Mittelmaß nicht erfunden. Sie hat es nur industrialisiert.
Alles wissen, nichts wollen
Was also unterscheidet die Menschen, die es besser machen, von der Maschine? Eine gute Künstlerin, ein guter Gestalter schöpft aus einem riesigen Fundus: Kunstgeschichte, Designtrends, die Filme, die man mit sechzehn gesehen hat, der Geruch in der Werkstatt des Großvaters. Daraus entsteht etwas Neues. Die KI hat einen noch viel größeren Fundus, im Grunde alles, was je digitalisiert wurde. Müsste sie dann nicht die bessere Künstlerin sein?
Ich glaube, der Unterschied liegt nicht in der Menge des Wissens, sondern darin, was man damit anfängt. Ein Bildgenerator ist, grob gesagt, eine Maschine für das Wahrscheinliche. Er liefert, was auf deine Anfrage am plausibelsten folgt. Kunst dagegen ist oft das Unwahrscheinliche, das hinterher unvermeidlich wirkt.
Menschen wissen weniger, aber sie wissen es anders. Mit dem Körper, mit der eigenen Geschichte, mit Narben. Sie haben einen Grund, warum sie ausgerechnet dieses Bild malen müssen und kein anderes. Und sie haben Geschmack. Geschmack ist im Kern eine lange Liste von Dingen, die man nicht macht. Die KI kennt alle Möglichkeiten, der Mensch verwirft die meisten davon. In diesem Verwerfen steckt die Handschrift.
Womit wir bei der Inspiration wären. Für die Recherche ist KI ein Geschenk: ein Moodboard in Sekunden, zwanzig Varianten, um herauszufinden, was man ganz sicher nicht will, Referenzen aus Epochen, von denen man noch nie gehört hat. Das kann den Horizont gewaltig weiten.
Es kann ihn aber auch verengen. Denn die erste Idee ist meistens die Idee, die alle haben. Früher musste man sich durch die eigenen mittelmäßigen Einfälle hindurchzeichnen, um irgendwann bei den guten anzukommen. Das leere Blatt war unbequem, aber es war ein Widerstand, an dem man wachsen konnte. Heute bekommt man die mittelmäßigen Ideen fertig gerendert geliefert, und sie sehen so gut aus, dass man vergisst, dass sie mittelmäßig sind. Man hört auf, bevor man richtig angefangen hat. Nicht weil das Ergebnis gut ist, sondern weil es gut genug aussieht.
Wie Bilder heute eben aussehen
Du kennst sie, diese Einladungen. Zum Sommerfest, zum Firmenjubiläum, zur Lesung in der Stadtbibliothek. Ein Sonnenuntergang, so golden, wie noch kein Sonnenuntergang je war. Gläser, die funkeln, als hätte sie jemand eigens für diesen Moment poliert. Lichterketten, die im Hintergrund weich zerfließen. Gesichter mit der Haut von Porzellanpuppen. Früher konnte man solche Bilder an den Fingern abzählen, ganz buchstäblich: Irgendwer hatte immer sechs. Inzwischen hat die Maschine zählen gelernt.
Ich erkenne diese Bilder trotzdem sofort. An diesem Glanz, dieser Glätte, diesem Zuviel von allem. Aber ich merke auch, wie sich etwas verschiebt. Ich zucke nicht mehr zusammen. Ich nehme sie hin, so wie man Fahrstuhlmusik hinnimmt. So sehen Bilder heute eben aus.
Und genau da beginnt es mich zu gruseln. Nicht wegen der Maschine, sondern wegen der Gewöhnung. Wahrnehmung ist nämlich trainierbar, nicht nur bei KI. Wer jahrelang nur Tiefkühlpizza isst, hält irgendwann den angekohlten Rand einer echten Holzofenpizza für einen Fehler. Wer nur noch Stimmen mit Autotune hört, findet eine ungeschliffene plötzlich schief.
Die Bilderflut verändert nicht nur, was wir sehen. Sie verändert, was wir für normal halten, was wir für gut halten und am Ende auch, was wir wollen. Denn wir wollen, was wir kennen. Und wir kennen, was man uns zeigt.
Der Hunger nach dem Rauen
Was macht das mit unserem Hunger nach dem Persönlichen, dem Rauen, dem Beseelten? Zwei Szenarien liegen nahe.
Im ersten stumpfen wir ab. Der Human Touch wird zur Nostalgie, so wie Handschrift oder Briefmarken: schön, aber irgendwie umständlich.
Im zweiten wird er kostbarer denn je. Dafür spricht einiges. Als Musik zum Datenstrom wurde, kam die Schallplatte zurück. Als das Brot aus der Fabrik kam, wurden Sauerteigbäckereien zu Pilgerstätten. Und eine Generation, die mit Smartphone-Kameras aufgewachsen ist, kauft sich wieder Filmrollen. Je glatter die Welt, desto größer die Sehnsucht nach etwas, an dem man sich reiben kann.
Ich tippe auf das zweite Szenario. Aber es hat einen Haken, genau genommen zwei.
Der erste: Die Maschine lernt auch das. Schon heute kann man ihr sagen, sie solle das Bild bitte etwas schief machen, mit Pinselspuren, einem Kaffeefleck und einer Prise Unvollkommenheit. Den Human Touch gibt es bald als Filter. Wenn sich Rauheit aber simulieren lässt, beweist sie nichts mehr. Dann wandert der Wert vom Werk zur Person dahinter. Zu den Fragen: Wer hat das gemacht? Kann ich dabei zusehen? Kann ich diesem Menschen vertrauen? Kunst wird dann ein bisschen mehr Beziehung und ein bisschen weniger Ware.
Der zweite Haken ist ökonomisch. Viele Menschen werden sich mit dem Generierten zufriedengeben, und das nicht mal zu Unrecht. Fürs Geburtstagsplakat, den Vereinsflyer, die Illustration im Firmenblog reicht es ja. Im Umkehrschluss heißt das: Von menschlicher künstlerischer Arbeit werden nur wenige leben können.
Man könnte einwenden, das sei schon immer so gewesen. Stimmt. Aber bisher gab es einen breiten Mittelbau: die Gebrauchsgrafik, die Auftragsillustration, das Logo für den Bäcker um die Ecke. Diese Brotjobs haben die Miete bezahlt, und nebenbei waren sie das Übungsfeld, auf dem Leute überhaupt erst gut wurden. Genau dieser Mittelbau bröckelt jetzt. Die Spitze wird es weiter geben. Aber wer soll noch dort ankommen, wenn der Weg nach oben wegbricht?
Und so wird der Human Touch womöglich, was er in der Geschichte schon oft war: ein Luxus. Das gezeichnete Porträt, der von Menschen geschriebene Roman, das handgesetzte Plakat als Statussymbol für alle, die es sich leisten können und den Unterschied erkennen wollen. Pierre Bourdieu hätte reichlich Stoff für eine Fortsetzung seiner »feinen Unterschiede« gefunden.
Herstellen und Hinstellen
Zurzeit wird viel darüber gestritten, ob sich KI verselbständigen und die Menschheit auslöschen könnte. Ich schlage vor, wir schalten ein paar Gänge runter und fragen etwas Bescheideneres: Kann eine KI eigenständig etwas genuin Künstlerisches erschaffen? Oder braucht es mindestens einen Menschen, der das Ergebnis nimmt, hinstellt und sagt: Das ist Kunst.
1917 reichte Marcel Duchamp bei einer Ausstellung in New York ein handelsübliches Urinal ein, um neunzig Grad gekippt und signiert mit »R. Mutt«. Er hatte es nicht hergestellt. Er hatte es nur ausgewählt, umgedreht und ihm einen Titel gegeben: Fountain. Seitdem wissen wir, dass Kunst nicht zwingend beim Herstellen entsteht. Manchmal entsteht sie beim Hinstellen.
Herstellen kann die KI, und zwar in einem Tempo und in Mengen, neben denen jede Kunstakademie wie eine verschlafene Manufaktur wirkt. Aber hinstellen? Auswählen, behaupten, etwas meinen? Dazu braucht es jemanden, der etwas sagen will. Die Maschine liefert, wenn man sie fragt. Sie wacht nachts nicht auf, weil ihr ein Bild keine Ruhe lässt. Sie hat kein Thema, das sie seit der Kindheit verfolgt. Es ist ihr, soweit wir wissen, ziemlich egal, ob jemand hinschaut.
Wobei dieses »soweit wir wissen« eine Menge Arbeit verrichtet. Ob in diesen Systemen jemals jemand sitzt, der etwas meint, können nicht einmal die Leute sagen, die sie bauen. Vielleicht kommt der Tag, an dem eine KI ein Bild macht und es aus eigenem Antrieb hinstellt. Dann müssen wir neu nachdenken. Bis dahin bleibt das Auswählen und Behaupten, dieses »Das hier!«, der eigentliche künstlerische Akt. Das gilt übrigens auch für alle, die aus fünfhundert generierten Varianten genau die eine herausfischen. Duchamp hätte ihnen vermutlich zugenickt.
Und dann braucht Kunst noch eine zweite Person: die, für die sie etwas bedeutet. Ein Werk, das niemanden berührt, ist bloß ein Gegenstand.
Vielleicht ist das am Ende die interessantere Frage. Nicht, ob die Maschine eines Tages lernt, etwas zu wollen. Sondern ob wir es bis dahin verlernt haben.
Nachtrag aus der Küche
Die Einladung zum Sommerfest übrigens, die mit dem goldenen Sonnenuntergang: Die hat nach zwei Sekunden niemand mehr angesehen. Sie war ja auch makellos.
Und jetzt denk mal an die Kühlschränke dieses Landes. An all die Blätter, die dort unter Magneten klemmen, manche seit Jahren. Eine Sonne mit Gesicht. Ein Haus mit schiefem Schornstein. Eine Figur, der die Arme direkt aus dem Kopf wachsen. Handwerklich eine Katastrophe. Kein Bildgenerator der Welt käme auf diese Lösung, dafür ist sie viel zu unwahrscheinlich. Und niemand, wirklich niemand, würde so ein Blatt gegen das perfekteste Bild der Welt eintauschen.
Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage, wie elitär der Human Touch werden wird. Auf dem Kunstmarkt womöglich sehr. Am Kühlschrank überhaupt nicht.
Ob KI die Kunst ersetzen kann? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass noch nie jemand ein Bild an den Kühlschrank gehängt hat, weil es gut gemacht war.



